VfL im DFB Pokal und NFV-Pokal

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    • Sven-Oliver Petersen

      (aus der Anthologie "Mein Vau-Eff-Ell!", herausgegeben von Kalla Wefel)


      Und wo geht’s hier nach Osnabrück?


      Hätte man mich vor dem 23.09.2009 auf Osnabrück angesprochen, wäre meine
      Antwort ziemlich abgedroschen ausgefallen. „Kenne ich nur vom
      Vorbeifahren“ oder „Klar, da geht es doch nach Holland, oder?“.
      Immer, wenn wir in den ‚Pott‘ fahren – sei es nach Dortmund oder
      Gelsenkirchen oder auch mal weiter bis nach Gladbach oder Köln –, nimmt
      man beiläufig das Autobahnkreuz Lotte/Osnabrück zur Kenntnis und vor
      allem, dass es dort in Richtung Westen nach Amsterdam geht. Irgendwie
      war Osnabrück für uns von daher stets eine Abfahrt nach Holland.
      Fast alle anderen Strecken in Richtung Süden fährt man von Hamburg aus
      über die A7. Wie man nach Bremen kommt, wollen wir eigentlich gar nicht
      so genau wissen.
      Wir, das sind die zwei Js – Jan und Jörn –, Fiete und ich. Jan, Jörn und
      ich kennen uns schon seit der Schulzeit, Fiete stieß als Kumpel von Jan
      später dazu. Bis auf ihn, der zwei Jahre älter ist als wir, sind wir
      alle Jahrgang 69 und fahren etwa fünf- bis zehnmal im Jahr zu den
      Auswärtsspielen unseres HSV. Mit fortschreitendem Alter und wachsender
      familiärer Verantwortung bevorzugen wir allerdings immer häufiger die
      kürzeren Fahrten in den norddeutschen Raum.
      Natürlich fachsimpeln wir auf diesen Fahrten und übertrumpfen uns
      gegenseitig mit unserem Fußballwissen. Dass der Fahrer auf solchen
      Fahrten zumindest seit einigen Jahren meistens am wenigstens weiß, liegt
      einfach an den bei solchen Gesprächen, die eher einem Fußballquiz
      gleichen, dann heiß laufenden Smartphones.
      Als Jan eines Tages auf einer Fahrt behauptete, Udo Lattek habe einst
      beim VfL Osnabrück gespielt, war das Gelächter zunächst groß, bis uns
      Google eines Besseren belehrte. Ich wusste zwar von meinem Vater, dass
      Osnabrück irgendwann einmal lange vor meiner Zeit eine große Nummer
      gewesen sein musste, aber irgendwie tangierte mich das als Kind
      überhaupt nicht, zumal der VfL in der Liga, die mich interessierte,
      einfach nicht stattfand.
      Letztendlich war es der 23. April 1980, als ich mich unsterblich in
      meinen HSV verliebte – sozusagen mein erstes Blinddate, und schuld war
      mein Vater.
      Neben anderen Dingen hatte er mir ein paar Wochen zuvor zum 12.
      Geburtstag einen Gutschein für eine Eintrittskarte zu einem HSV-Spiel
      nach freier Wahl geschenkt.
      „Glaub mir, Olli, Sportschau ist nichts gegen die Atmosphäre im
      Volkspark“, hatte er schon einige Tage zuvor zu jeder auch noch so
      unpassenden Gelegenheit verkündet, um mich schon einmal innerlich auf
      das Geschenk vorzubereiten.
      Da kurz darauf Real Madrid nach Hamburg kam, fiel mir die Wahl nicht
      schwer. Mein Vater verdrehte zwar ob der auf ihn zukommenden Kosten
      deutlich vernehmbar die Augen, freute sich aber insgeheim, seinem Sohn
      den HSV endlich etwas näherbringen zu können.
      Ich wusste, dass das Hinspiel zwei Wochen zuvor in Madrid 0:2 verloren
      worden war und sich der HSV gegen diese spanische Übermannschaft mit
      Cunningham und Stielike und anderen Weltklassespielern, deren Namen
      Camacho, Benito, Pirri, del Bosque oder Juanito wie exotische
      Getränkesorten klangen, nur wenig Chancen ausrechnen konnte.
      Manni Kaltz, Kevin Keegan und Horst Hrubesch wurden an diesem Tag zu den
      großen Helden meiner Kindheit. 5:1 besiegte der HSV Real in einem
      einmaligen Match, das bis heute als das beste HSV-Spiel aller Zeiten in
      die Vereinsgeschichte eingegangen ist.
      Noch Stunden nach dem Spiel war das Stadion voll und Publikum und Mannschaft feierten ausgelassen diesen einmaligen Sieg.
      Für mich gab es seither kein Zurück mehr, was den HSV anging, auch ein
      durchaus gut gemeinter und von langer Hand vorbereiteter feindlicher
      Übernahmeversuch von zwei befreundeten Sankt-Pauli-Fans scheiterte
      einige Jahre später kläglich.
      Und was schenkt man sich nun im fußballaffinen HSV-Freundeskreis zum
      Geburtstag, wenn man selbst im Erwachsenenalter ist? Richtig:
      Irgendetwas, das mit dem runden Leder und dem HSV zu tun hat. Durch
      unsere Dauerkarten beschränken sich diese Geschenke zumeist auf
      irgendeine Auswärtsfahrt, eventuell noch mit Essengehen und bei runden
      Geburtstagen sogar mit Hotelübernachtung. Normalerweise nehmen wir
      Stehplätze, wenn nun aber jemand Geburtstag hat, dann ist Sitzen
      wortwörtlich für den Arsch, und zwar für alle und nicht nur für den
      Arsch, der Geburtstag hat.
      Die vier Sitzplatzkarten für das Pokalspiel am 23. September 2009 hatten
      wir schon Wochen vorher besorgt und eine davon dann Fiete am 9.
      September zu seinem 42. Geburtstag geschenkt. Er wirkte durchaus etwas
      pikiert. „Auf ‘nem Mittwoch? Und dann noch in Holland? Beginn halb neun …
      schaffen wir das überhaupt? Na gut, wenigstens erleben wir einen
      schönen Auswärtssieg.“
      Am Tag des Spiels trafen wir sogar ziemlich pünktlich in der Nähe des
      VfL-Stadions ein, brauchten aber ewig lange, um einen Parkplatz zu
      finden. Nach langem Herumgekurve mit unserem Golf, wobei wir ständig die
      Nähe zu den Flutlichtmasten suchten, fanden wir tatsächlich einen
      freien Parkplatz ganz in der Nähe des Stadions.
      Schließlich saßen wir fast eine halbe Stunde vor Anpfiff auf unseren
      lilafarbenen Sitzen. Viel gesehen von Osnabrück hatten wir bis dahin
      nicht, genaugenommen bis auf ein paar Häuser eigentlich gar nichts.
      Na, und nun natürlich dieses Stadion, in dem wir auf dem Weg zu unseren
      Plätzen einige alte Bekannte, Dauerauswärtsfahrer und Groundhopper aus
      Hamburg begrüßen konnten.
      „Ist hier so ‘n bisschen wie damals am Rothenbaum, Jungs, nur etwas
      weniger Holz!“, rief uns ein älterer HSV-Fan lachend hinterher.
      „Wirklich wie früher am Rothenbaum. Man sitzt hier ja direkt am Spielfeld. Nicht schlecht“, stellte ich fest.
      „Irgendwann sind die mal vor ein paar Jahren gegen unsere Zweite mit
      10.000 Leuten im Volkspark aufgeschlagen. Stand jedenfalls so gestern in
      der MoPo“, warf Jörn ein.
      „Du spinnst doch.“
      „Nein, im Ernst. Die Fankultur muss hier ziemlich heftig sein, aber
      außer ‘ner Abfahrt nach Amsterdam ham die hier ja auch nichts anderes.“
      „10.000 gegen unsere Amas? Ham die überhaupt so viele Einwohner?“
      „Wenn man Amsterdam dazurechnet, bestimmt.“
      Unsere Lästereien wurden von einem doch ziemlich beeindruckenden Gesang
      der VfL-Fans unterbrochen, da offenbar alle Einheimischen den Text
      kannten, die sich zu diesem Anlass sogar von ihren Sitzplätzen wie bei
      einer Nationalhymne erhoben hatten. Die Störversuche aus unserer
      Fan-Ecke verpufften rasch, denn gegen die Lautstärke kam man kaum an.
      Unser merkwürdiger Sitzgästeblock war von den Osnabrücker Sitzplätzen
      nicht getrennt. Nur zwei Meter links neben mir stand ein Mann mit zwei
      Kindern vor den Sitzschalen, beide um die zehn bis zwölf Jahre alt, die
      aufgeregt versuchten, die VfL-Hymne mitzusingen. Der Refrain ging immer
      „Nur für diesen Verein wollen wir kämpfen und schreien“, das hatten die
      beiden Jungs jedenfalls rasch begriffen. Ob sie heute wohl zum ersten
      Mal im Stadion waren wie ich damals gegen Real?
      Unsere Vierergang hatte sich mittlerweile mit Würstchen, Cola und
      Mineralwasser gut eingerichtet – Bier ist bei uns komplett tabu, wenn am
      nächsten Tag ein normaler Arbeitstag ist – und man konnte allen
      anmerken, dass wir nun doch ein wenig beeindruckt von dieser
      Stadionperle mitsamt seiner gefälligen Hymne und dem sehr aktiv
      mitsingenden Publikum waren – auch wenn natürlich nichts über ‚Hamburg,
      meine Perle‘ geht, wie ich an dieser Stelle anmerken möchte.
      Dennoch strahlte das alles schon eine prickelnde Atmosphäre aus, bevor
      der Ball überhaupt gerollt war. Auch unsere Kurve, neben der wir im
      rechten Winkel auf einem nach oben hin verkürzten und unüberdachten
      Stück der Haupttribüne saßen, war rappelvoll und man gab sich redlich
      Mühe. Schon die allgemeine Stimmung machte einem irgendwie klar, dass
      das kein Spaziergang werden würde.
      „Möglichst schnell ein Tor, sonst kann das hier schnell ganz, ganz eng
      werden. Glaubt mir, die sind in Wirklichkeit zweitklassig, auch wenn die
      in der dritten Liga spielen.“ Jan wollte uns wohl schon vorzeitig auf
      den Ernstfall vorbereiten oder uns einfach nur den Tag vermiesen.
      „Der Reichenberger hat doch mal bei Frankfurt gespielt, oder?“
      „Und der Baumann bei Köln. Der ist aber Trainer.“
      Von den Stadionsprechern, die sich im Strafraum vor der Osnabrücker
      Fankurve aufhielten, bekam man nicht viel mit, aber die beiden
      Anzeigetafeln waren sehr hilfreich.
      „Bis auf den Baumann und diesen Dingensberger da kenne ich von denen auch keinen …“, wandte ich achselzuckend ein.
      Prickelnde Atmosphäre auch, als die Mannschaften den Rasen betraten.
      Flutlicht, feuchte, fast neblige Luft wie zu Hause im Volkspark, nur
      alles sehr viel kleiner und enger und in der Fankurve der Osnabrücker
      eine aufwändige Choreographie, die sich über die ganze Kurve hinweg
      erstreckte und auf der irgendetwas stand, dass der Pokal seine eigenen
      Gesetze habe. Darüber tauchten ein riesiges Vereinswappen und ein
      überdimensionierter DFB-Pokal auf. Fleißig, fleißig, die Kiddies von der
      Hüpfburg, und hübsch ausgesehen hat es auch.
      Klar, man wollte dem eigenen Publikum und sicherlich auch dem großen HSV
      mit dieser Bastelarbeit zeigen, dass man hier auch nicht hinterm Mond
      oder gar in Holland wohnt und man auch in der Provinz eine eigene
      Fankultur hat.
      Anpfiff!
      Der HSV begann druckvoll, ließ sich aber irgendwann vom VfL ein wenig
      den Schneid abkaufen, und so ging es mit einem letztendlich verdienten
      0:0 in die Halbzeitpause.
      Ich war mit dem Getränkeholen dran. Auf dem Rückweg kamen mir die beiden
      Jungs von nebenan entgegen. Am liebsten hätte ich sie gefragt, ob
      zumindest einer der beiden die Karte zum Geburtstag geschenkt bekommen
      habe, traute mich aber nicht. Im Vorbeigehen hörte ich nur so etwas
      Ähnliches wie „Mann, ist das spannend …“.
      Nun ja, dem konnte ich nur begrenzt beipflichten, denn aus meiner Sicht
      war das Spiel im Gegensatz zum Drumherum und den neuen Eindrücken eher
      langweilig.
      Dennoch ließen sich während der Pause erste leichte Sorgenfalten und
      auch einige skeptische Blicke bei den anderen HSV-Fans erkennen. So ganz
      sicher waren wir vier uns auch nicht mehr.
      „Gleich ein schnelles Tor, dann war‘s das …“, meinte unser Geburtstagskind.
      „In spätestens zwanzig Minuten sind die konditionell total platt. So,
      wie die sich hier reinhängen, halten die das nicht mehr lange durch …“,
      ergänzte Jörn und erntete dafür von uns zustimmendes Kopfnicken.
      Piotr Trochowski war für Zé Roberto reingekommen, der bis dahin
      eigentlich wie die ganze Mannschaft zwar kein überragendes, aber alles
      in allem ein ganz ordentliches Spiel abgeliefert hatte.
      Bevor wir überhaupt richtig nachdenken konnten, stand es tatsächlich wie von allen erwartet 1:0.
      Moment!
      Regiefehler!
      Nicht für uns, sondern für den VfL!
      Das Stadion war im Nu ein Tollhaus. Außer uns HSVern saß nun niemand
      mehr. Alle standen und brüllten etwas davon, dass sie erstens
      Osnabrücker und zweitens immer da seien! Die beiden Jungs neben mir
      stimmten auch voller Inbrunst in die Gesänge ein „Olé, olé, olé!
      Osnabrück, olé! Wir sind die Osnabrücker, wir sind immer da!“ Was für
      eine blöder Text.
      „Können die nicht mal aufhören!?“, rief der sonst so entspannte Jan
      empört. „Dass wir nicht in Holland sind, haben wir ja wohl längst
      kapiert!“
      Wenige Minuten später steigerte sich das Tollhaus zum Tollerhaus, denn es stand wie aus dem Nichts 2:0 für den VfL.
      Bei uns schlug die Stimmung in Sarkasmus um. Unterhalten konnten wir uns
      kaum noch, dazu war es in diesem engen Stadion, das englischer zu sein
      schien, als es jemals ein englisches Stadion hätte sein können, einfach
      zu laut.
      Kopfschüttelnde Resignation machte sich breit … im Gegensatz zu den
      beiden Jungs, von denen der eine sogar hin und wieder kurz den
      Mittelfinger in Richtung von uns HSV-Fans ausstreckte.
      13 Minuten vor Schluss fiel dann das 2:1 durch Mladen Petric. Hoffnung
      keimte auf, schließlich spielte hier der große HSV – der Dinosaurier der
      ersten Liga gab sich die Ehre! – gegen den kleinen VfL aus Osnabrück,
      dieser vermeintlichen Abfahrt nach Holland.
      Nun brüllten wir gemeinsam mit unserer Kurve den HSV nach vorn. Doch die
      Osnabrücker wehrten sich mit Mann und Maus und jede Balleroberung wurde
      vom heimischen Publikum wie ein Tor bejubelt. Gegen diese Osnabrücker
      gab es offenbar kein Mittel.
      Zum Schluss dann noch ein taktischer Wechsel beim VfL. Für einen Stürmer
      kam ein blonder Bubi namens Dennis Schmidt ins Spiel. Der stand
      irgendwann genau auf meiner Höhe im Strafraum der Osnabrücker und hob
      völlig unbedrängt und aus einem unerfindlichen Grund in der 92. Minute
      die Hand in Richtung Ball.
      Elfmeter!
      Natürlich für den HSV!
      2:2 durch ‚Trocho‘!
      Während wir und die Kurve außer Rand und Band waren, schien der Rest des
      Stadions in eine Art Schockstarre zu verfallen. Einer der Jungs neben
      mir weinte sogar und wurde von dem Mann, der offenbar sein Vater war,
      getröstet.
      Der zweite Junge schrie einsam und unverdrossen: „VfL! VfL!“ Als er mich
      kurz anblickte, zuckte ich bedauernd mit den Achseln, woraufhin er mir
      wütend die Zunge ausstreckte. Für das, was nun unweigerlich auf den VfL
      zukommen sollte, hätte ich mich bei ihm, gewissermaßen im vorauseilenden
      Gehorsam, am liebsten entschuldigen wollen.
      „Profis sind das bestimmt auch“, stellte Fiete klar, „aber die brechen
      jetzt komplett zusammen. Wetten? Das war einfach zu viel! Die gehen doch
      schon auf dem Zahnfleisch. Können einem fast leidtun.“
      Nur zehn Minuten später war es dann soweit: Guy Demel prescht in den
      Strafraum der Osnabrücker und tunnelt den Osnabrücker Torwart.
      3:2!
      Jörn guckte auf die Uhr und deutete an, dass wir uns spätestens nach dem
      4:2 auf den Weg machen sollten. Zu den beiden Jungs hinüberzuschauen
      traute ich mich längst nicht mehr. Ich war selbst mal so alt und konnte
      zumindest ahnen, wie es ihnen gerade erging, denn auch das Leben als
      HSV-Fan kann durchaus hart sein.
      Doch was ist das?
      Das gehört so nicht zu unserem Plan!
      Das war so nicht abgesprochen!
      Nach einer etwas verunglückten Kopfballabwehr von Aogo kommt da
      plötzlich irgendein Osnabrücker angerannt, holt mit dem Schussbein weit
      aus und schießt den Ball, offenbar ohne nachzudenken, mit vollem Risiko
      in Richtung Tor. Glaubt mir, wäre da kein Tornetz gewesen, der Ball
      würde heute noch im großen Abstand um die Erde fliegen.
      Sollte jemals der gewaltige Torurschrei zum 4:1 gegen Real Madrid vor
      61.000 Hamburger Zuschauern auf dem Prüfstand gestanden haben, dann
      jetzt beim 3:3 in Osnabrück vor nur 16.000 Zuschauern. Da regen sich die
      Leute über den Fluglärm in Fuhlsbüttel auf, dann kommt mal nach
      Osnabrück ins Stadion … Ich kann euch sagen, jeder Start einer Boeing
      707 ist dagegen ein das Gehör schmeichelnder Klanggenuss.
      Wir HSVer sackten für einige Schrecksekunden alle in uns zusammen, die
      beiden VfL-Bengels nebenan schrien mit den Osnabrücker Fans: „Berlin!
      Berlin! Wir fahren nach Berlin!“ oder einfach nur „Vau! Eff! Ell!“ oder
      mal wieder, dass sie ja nun Osnabrücker und immer da seien, wo auch
      immer das sein mochte. Dass sich die Osnabrücker ständig selbst ihrer
      Herkunft versichern mussten, nervte allmählich.
      Vielleicht skandierten sie auch noch irgendwelche anderen
      Anfeuerungsrufe, so genau weiß ich das alles nicht mehr. Ich weiß nur,
      dass der Begriff Tollhaus oder gar Tollerhaus wieder einmal nicht mehr
      reichte. Nun war das Stadion das Amtollstenhaus.
      Kurz darauf war auch schon Schluss.
      Also Elfmeterschießen.
      Es war mittlerweile nach elf, aber die beiden Jungs nebenan waren wie das ganze Stadion munter wie zu Anfang des Spiels.
      Irgendwann machte sich bei uns eine höchst befremdliche Stimmung breit.
      Sollten diese Osnabrücker uns wirklich gleich im Elfmeterschießen
      besiegen können?
      Wie heißt deren Torwart noch mal?
      Tino Berbig?
      Nie von gehört. Unser erfahrener Oldie Frank Rost wird bestimmt den ein oder anderen halten. Und dann war‘s das.
      Als erster Spieler trat für den VfL dieser blonde Bubi an, der schon den Elfmeter zum 2:2 verschuldet hatte.
      „Na, der hat ja vielleicht Nerven! Ist der bekloppt? Wenn er den
      verschießt, kommt er doch nicht mehr lebend aus dem Stadion“, stellte
      ich kopfschüttelnd fest. Meine Freunde nickten stumm. Auch auf der
      Osnabrücker Seite überwogen ganz klar die skeptischen Blicke.
      Der blonde Bubi lief mit seinen staksigen Beinen an und …
      … verwandelte eiskalt.
      Tesche schoss daneben.
      Das ganze Elfmeterschießen entwickelte sich für uns zu einer einzigen
      Katastrophe. Die Osnabrücker verwandelten ihre Elfmeter einen nach dem
      anderen allesamt souverän, bis auch noch Mladen Petric an den rechten
      Außenpfosten schoss.
      Muss ich noch erwähnen, dass nun aus dem Amtollstenhaus das Amallertollstenhaus wurde?
      Muss ich das wirklich?
      Wollt ihr mich quälen?
      Ja, das Stadion stand nicht nur Kopf, es stand Kopfstand, die Zuschauer
      feierten ihre Mannschaft und auch sich selbst frenetisch.
      Bevor wir uns völlig bedröppelt auf den Weg zum Auto machten, brüllte
      ich noch zu den beiden Jungs mit wenig Überzeugung hinüber: „Herzlichen
      Glückwunsch! Ihr habt das echt verdient!“
      Als der eine Junge mir schon wieder die Zunge ausstreckte, dieses Mal
      allerdings triumphierend, konnte ich es mir nicht verkneifen, auf meine
      Armbanduhr zu tippen und ihm hinterherzurufen: „Und viel Spaß noch
      morgen in der Schule, mien Dschung!“
      Daraufhin legte er sogar noch einen drauf, zeigte mir nun beide Stinkefinger und rief: „Viel Spaß morgen auf der Arbeit!“
      Nun, die Osnabrücker wissen offenbar schon von frühster Kindheit an, wie
      man sich gegen die Großen wehrt – na ja, und sie wissen eben auch, dass
      sie nicht aus Holland, sondern aus Osnabrück kommen und immer da sind.
      Während wir uns mit einem säuerlichen Lächeln auf den Lippen aus dem
      Stadion davonschlichen, tobte drinnen das Publikum vor Begeisterung.
      Selbst als wir schon im Auto saßen, drangen die Jubelgesänge noch bis zu
      uns herüber.
      Nun fühlten wir uns so, wie sich damals die Fans von Real Madrid beim Antritt der Rückfahrt in Hamburg gefühlt haben mussten.
      Der Kleine besiegt den Großen. Doof nur, wenn man sich zu den Großen
      zählt. Aber mal ehrlich: Ist es nicht genau das, was den Fußball am Ende
      ausmacht?
      Und den beiden Jungs erging es bestimmt so wie mir damals im
      Volksparkstadion gegen Real Madrid. Zunge ausstrecken: Ätsch, wir haben
      es dem HSV mal so richtig gezeigt! Und zur Unterstreichung dann den
      Stinkefinger zeigen. „Verpisst euch aus unserer Stadt!“
      Dass der VfL einige Wochen später die Borussia aus Dortmund auch noch
      aus dem Pokal raus warf, löste bei uns immerhin eine späte Genugtuung ob
      der eigenen Niederlage aus.
      Wir vier hatten das Spiel übrigens genussvoll und überhaupt nicht
      neutral als VfL-Fans-für-einen-Tag bei mir zu Hause auf dem
      Großbildschirm gesehen, und wir glaubten sogar, die beiden Jungs hin und
      wieder erkennen zu können, da die Fernsehkameras die große Sitztribüne
      ständig im Visier hatten.
      Und jedes Mal, wenn wir heute an Osnabrück vorbeifahren, um unseren HSV
      in Dortmund oder Gelsenkirchen zu unterstützen, ziehen wir nun fast
      hochachtungsvoll unsere HSV-Mützen vor dem VfL, seinen Fans und seinem
      Stadion.
      Und die Idee, dass Osnabrück lediglich eine Abfahrt nach Amsterdam ist, findet auch niemand mehr so richtig witzig.
      Na ja, ganz ehrlich?
      Manchmal schon ...

      Sven Oliver Petersen
      * 19.03.1969 in Hamburg
      Großhandelskaufmann
      seit 1987 :deuvfl2: :redskins: seit 1991

    • Wirklich schöner Bericht. Vor allem wenn die eigene Hochnäsigkeit so gekonnt auf die Schippe genommen wird. :D
      Arminia Bielefeld - Stadion Alm
      Tradition & Identität erhalten! Übersetzung für Neoliberale: "Markenimage schützen!"
    • Erledigt.

      Am Sonntag kommt dieser "HSV" aus einem Kaff namens Hamburg. Das muss irgendwo zwischen Niedersachsen und Schleswig-Holstein liegen.

      Nach dem verkorksten Saisonstart wäre es natürlich toll wenn uns der Pokal mal wieder den Arsch rettet. Allerdings wäre alles andere als eine saftige Niederlage natürlich sensationell.

      Moment, da war mal was...
      seit 1987 :deuvfl2: :redskins: seit 1991

    • Der VfL ist heute im NfV Pokal eine Runde weiter gekommen gegen die SVG Göttingen, locker flockig mit 5:0 !
      Hab auswärts auch schonmal mehr Fans der Osnasen gesehen, sah eher aus wie Rudis Resterampe! Support gabs keinen, aber bin ich ja mittlerweile gewöhnt!
    • Eigentlich wollte ich ja heute spontan frei nehmen und nach Osnabrück fahren... Lust drauf, schönes Stadion, Bierchen trinken. Da ich seit gestern aber nur noch am schniefen, rotzen und husten bin, bin ich froh dass sich kein Dummer gefunden hat der mitfährt! Werde ich mir unser Weiterkommen also doch am heimischen TV anschauen (müssen).

      "Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen:
      Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus.
      Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig.
      Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent.
      Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi."

      (Gerhard Bronner)
    • Gute Besserung. Aber so wie man den VfL kennt schmeißt der Euch und vielleicht noch einen Bundesligisten glorreich aus dem Pokal, um selbst nächstes Jahr in der Regionalliga zu kicken. |-)
      Arminia Bielefeld - Stadion Alm
      Tradition & Identität erhalten! Übersetzung für Neoliberale: "Markenimage schützen!"
    • Also muss wegen mir nicht sein... :floet:

      "Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen:
      Intelligenz, Anständigkeit und Nationalsozialismus.
      Man kann intelligent und Nazi sein. Dann ist man nicht anständig.
      Man kann anständig und Nazi sein. Dann ist man nicht intelligent.
      Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein Nazi."

      (Gerhard Bronner)
    • Wenigstens nimmst Du es mit Humor. Wobei der VfL in der Regionalliga eigentlich nichts verloren hat. Hauptsache Ihr endet nicht wie Oldenburg.
      Arminia Bielefeld - Stadion Alm
      Tradition & Identität erhalten! Übersetzung für Neoliberale: "Markenimage schützen!"